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Autor Thema: Was gesagt werden muss - Steckt Wahrheit hinter dem Gedicht?  (Gelesen 4049 mal)
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Anarcitau

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Ziancaly


« am: 18.04.2012 12:11:41 »

Schaut euch lieber die letzte maybritIllner-Sendung dazu an (zu finden in der ZDF-Mediathek: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite#/beitrag/video/1617514/Grass-am-Pranger).
"Günther Jauch" ist vom Format und vom Niveau eine der schlechtesten (der bekannteren) Talkrunden derzeit - und bei so nem Thema dann den Niebel nochmal sehen und hören zu müssen, da ist mir schon ne Zusammenfassung der Sendung zu viel. maybritIllner ist hingegen gerade der Klassenprimus der Talkrunden, was vielleicht daran liegt, dass im ARD Quantität statt Qualität zählt (was man auch am inhaltlichen Abgang von hartaberfair sieht, aber das nur nebenbei).

Grass Gedicht finde ich im übrigen als "Gedicht" schrecklich unlyrisch und inhaltlich völlig kalter Kaffee - genauso wie die Reaktion drauf:
Da ermaht eine sogenannte "moralische Instanz" mit heftigen Problemen in der Aufarbeitung der eigenen Nazi-Vergangenheit die Welt zum Frieden, bezieht Stellung im Nahost-Konflikt und wundert sich dann massivst kritisiert zu werden. Hallo? Wundert sich tatsächlich jemand, dass die Kritik und die Gegenkritik so abläuft, wie man es die letzten Wochen gesehen hat? Der Zentralrat der Juden und die israelische Regierung bellen wie getroffene Hunde, plötzlich kommen alle Intellektuellen aus ihren Löchern und kritisieren das Gedicht entweder in Grund und Boden (z.B. Reich-Ranicki: "ekelhaft") oder preisen ihn als Heilsbringer, der für uns nun arme, mundtote Deutsche endlich mal die Wahrheit aussprechen darf (siehe maybritIllner-Sendung). Ein ehemaliger SS-Mann, der Israel auf hohem Niveau kritisieren will? Da kriegt doch jeder Sensationsjournalist ne feuchte Hose ...
Dieser Zirkus ist zum einen dem hilflosen Umgang mit unserer nationalen Vergangenheit und zum anderen der Geschichte des Nahost-Konflilkts verschuldet, wo es seit über 60 Jahren kracht (und keine Gewinner gibt) - und wenn man die historischen Fokus etwas erweitert schon seit Jahrtausenden immer wieder die blutigsten und tragischsten Ereignisse mit dem heiligen Land verknüpft sind. Ich finde, den größten Fehler den man machen kann, ist in diesem total festgefahrenen Konflikt für eine der Seiten Partei zu ergreifen und die andere dann zu kritisieren. Die Situation im Morgenland ist geprägt von Ereignissen, die zwar ganze Generationen zurückliegen, aber die Region so traumatisiert haben, dass dort Lebensverhältnisse herrschen, die man sich hier (ich sprech da nur für mich) gar nicht vorstellen kann. Ich finde den Vergleich ganz treffend, wenn man sich vorstellt, was jetzt hier in Deutschland im Jahr 2012 los wäre, wenn Franken und die Oberpfalz nach dem 2. Weltkrieg von Deutschland abgespalten und als islamisch-geprägter Staat neugegründet worden wären. Dagegen wäre unsere aktuelle Integrationsdebatte und Rassismusproblematik nen Furz im Wind!
Ich habe mal ein Interview mit einer jungen Israeli gesehen, die stolz von ihrem Land berichtete und die (heikleren) Instrumente des Staates von Vorratsdatenspeicherung bis militärische Ausbildung als Grundlage (!) für eine liberale Politik (!!) sah. Man bekommt durch solche Meinungen eine Vorstellung davon, dass der festgefahrene Karren wahrscheinlich nur noch ein bisschen aus dem Dreck rausguckt: Die Menschen schießen sich dort wahrscheinlich seit Anbeginn der Zeit aus weltlichen und religiösen Gründen über den Haufen und haben dabei eine völlig andere Vorstellungen zu den Kernthemen Freiheit, Gleichheit und Sicherheit allein in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Sich da als gemässigter Mitteleuropäer mit 60 Jahren Frieden, Wohlstand und religiösem Desinteresse zu erlauben Position zu beziehen, halte ich daher entweder für unheimlich mutig (dann will ich aber auch vernünftige Argumente hören!) oder unheimlich dumm und überheblich. Grass' Mahnung unsere Verantwortung nicht überzustrapazieren in dem wir auch noch Öl ins Feuer kippen, d.h. Waffen liefern, halte ich in diesem Zusammenhang maximal für naiv. Er hätte mal lieber Waffenexporte allgemein kritisieren sollen OHNE den Fokus NUR auf Israel zu legen. Da hätte es genügend Material gegeben, wo sich die Deutschen Blut an den Fingern haben, z.B. Lybien, Saudi-Arabien UND auch Israel. Oder auch andere Länder: USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien sind neben Deutschland auch erstklassige Waffenexporteure, besitzen teilweise Atomwaffen und haben jährliche Militäretats von denen man ein ganze Entwicklungsländer neu aufbauen könnte. Aber so ist die Kritik von Grass in einer elenden Diskussionen versandet, wo wir lieber über uns arme Opferdeutsche rumlabern anstatt mal konstruktik beim Thema zu bleiben. Wir diskutieren nun wieder übers kritikimmune Israel, obwohl deutsche Waffen in Israel das Problem sind. Und das Israel genauso Dreck am Stecken hat wie der Iran, die Situation dort unten so gemütlich wie ein Platz auf dem Pulverfass ist und mal endlich jemand von den Verantwortlichen zu klarem Verstand kommen soll - davon reden Friedensinitiativen auch seit Jahrzehnten! Also meiner Meinung nach in der Tat kalter Kaffee, nur diesmal wollen alle was von ab haben.
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... und dein nicht zu achten - wie ich! (Goethe - Prometheus)
Striddl

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« am: 18.04.2012 17:45:31 »

ich würde die talkrunde bei maybritt illner im großen und ganzen tatsächlich besser bewerten als das was bei jauch stattfand. Die Auswahl an Gästen war hier aber fast noch unglücklicher. Da setzt man den Peter Scholl-Latour, der alle anderen Gäste mit seinem hintergrundwissen völlig überfordert, neben eine dame die zum thema etwa so viel beizutragen hat, wie die gewinnerin der miss universe wahlen. deren gefasel von weltfrieden war ja bisweilen so fehl am platz, dass sogar die anderen gäste vor lauter fremdschämen betreten zu boden blickten. Als wäre die pärchen-geschichte am ende nicht ohnehim schon seicht genug gewesen - aber die frau shakib war schlichtweg unnötig.

Und dann auch noch michel Friedmann. Der war ja noch 10 mal schlimmer als herr niebel. Mit seinem süffisanten und selbstgefälligem grinsen ist er für mich sowieso einer der unsympathischsten personen der deutschen öffentlichkeit. mit welcher arroganz er aber schlichtweg sämtliche fakten von augstein und scholl-latour wegfegt und ignoriert grenzt schon an frechheit. wirkliche argumente waren in seiner polemik eher spärlich gesäht. frau augstein hat sich davon - wie auch ihr halbbruder bei jauch - leider viel zu sehr unterbuttern lassen.

Naja, wenigstens hat maybritt illner einen roten faden durch die sendung gezogen. das war schon deutlich besser als bei jauch.
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“That's the beauty of argument. If you argue correctly, you're never wrong.” - Nick Naylor
Anarcitau

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Ziancaly


« am: 22.04.2012 14:22:05 »

Und dann auch noch michel Friedmann. Der war ja noch 10 mal schlimmer als herr niebel. Mit seinem süffisanten und selbstgefälligem grinsen ist er für mich sowieso einer der unsympathischsten personen der deutschen öffentlichkeit. mit welcher arroganz er aber schlichtweg sämtliche fakten von augstein und scholl-latour wegfegt und ignoriert grenzt schon an frechheit. wirkliche argumente waren in seiner polemik eher spärlich gesäht. frau augstein hat sich davon - wie auch ihr halbbruder bei jauch - leider viel zu sehr unterbuttern lassen.

Hm, da haben wir wohl unterschiedliche Ansichten: Ich muss nicht mit jemanden sympathisieren um seine Argumentation für gut oder schlecht zu befinden und andersherum bin ich auch nicht gegen jemandes Meinung, sobald ich denjenigen unsympathisch finde. Insofern muss ich auch Friedmann, sein Auftreten und seine Arroganz nicht mögen, aber seine Argumente sitzen halt - zumindest kann ich mich an keine hahnebüchenen Aussagen erinnern, ganz im Gegensatz zu Frau Augstein. Die hat meiner Meinung nach eher die ganze Zeit lamentiert und kam nicht zum Punkt. Wie gesagt, es geht mir nicht um die inhaltlichen Positionen, sondern die Argumente.

Über die Gesamtbesetzung der Sendung kann man natürlich streiten, aber warum nun ausgerechnet die iranische Filmemacherin schlimmer als Augstein und Scholl-Latour gewesen sein sollen, versteh ich jetzt auch nicht so recht. Gerade letzterer "Nahost-Experte" fällt mir bei solchen Diskussionen mehr durch seine dünne Logik als durch inhaltliche Beiträge auf. Der "überfordert" mich maximal durch seine Gedankensprünge ohne roten Faden. Klar war die Meinung von Frau Shakib durchtränkt mit Naivität und Hoffnung, aber zu so einer Diskussion gehören doch auch unterschiedliche Perspektiven. Und gerade in dieser Hinsicht fand ich den Beitrag zur "We love you"-Kampagne und dem jungen Paar mal ganz interessant. DAS sind neue Ansätze in der Diskussion und meiner Meinung nach auch der einzige (friedliche) Weg diese komplexe, festgefahrene Situation dort unten in irgendeiner Form aufzulösen. Zumindest, und das zeigt nun mal leider die Geschichte, hat jegliches Wettrüsten im Nahen Osten letztendlich in eine noch schlimmere Katastrophe geführt.
Und weils gerade aktuell ist: Unsere Scheinheiligkeit (damit meine ich die der westlichen Regierungen) ist wirklich ein Grund zum Fremdschämen, wenn wir dem Iran und Nordkorea die Atomwaffen verbieten und jegliche Tests kritisieren, aber Indien fröhlich zum Erfolg seiner Raketenstarts gratulieren. Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde Nordkorea und der Iran sollten natürlich keine Atomwaffen besitzen dürfen, aber nicht nur, weil beide Länder von Machthabern mit fundamentalistischen Ansichten regiert werden, sondern weil die Abschaffung ALLER Atomwaffen langsam mal Form annehmen sollte und jegliche Neuaufrüstung diesem Prozess doch entgegen steht. In dieser Hinsicht finde ich rein vom psychologischen Standpunkt die Argumentation "atomare Aufrüstung schafft Frieden durch Abschreckung" ganz schön heikel: Entweder man baut die Dinger um sie im einzusetzen (das ist nicht friedlich!) oder man sagt, dass man sie einsetzen will und droht aber nur. In letzterem Fall blufft man schließlich bis zu dem Punkt an dem die anderen sehen wollen. Und entweder gibt man dann nach, dann stellt sich aber die Frage nach dem Sinn der Bombe und die Stategie ist misslungen und man ist bei Null, oder man ist wieder bei einer nicht-friedlichen Lösung. Wenn man also eines ganz sicher sagen kann, dann dass die nukleare Aufrüstung nur mehr Kugeln in den Revolver bringt, den man sich wie beim russischen Roulette an den Kopf hält.
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... und dein nicht zu achten - wie ich! (Goethe - Prometheus)
Striddl

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« am: 22.04.2012 18:23:54 »

ich habe mitnichten behauptet, dass ich seine argumentation nicht mag, weil er unsympathisch ist. andersherum wird ein schuh draus. seine argumentation bestand aus nichts als polemik und rethorik. ard statt zdf wie man so schön sagt. ('alle reden drumherum' statt 'zahlen, daten, fakten'). stattdessen hat er seine lücken mit billigen sprüchen kaschiert. deshalb mag ich ihn nicht.

frau augstein bemerkt beispielsweise dass sämtliche untersuchungen zu dem ergebnis kamen, dass der iran keine atombombe baut, derzeit kein interesse hat eine bombe zu bauen und ein derartiges vorhaben derzeit nicht absehbar ist. sie bringt dazu sogar zitate. und das ist auch schlichtweg fakt. da braucht man nur mal ein wenig recherchieren und man kommt unweigerlich zum gleichen ergebnis. was antwortet friedmann? er zweifelt die ergebnisse an, versucht sie als unseriöses gefasel abzutun. aber außer seiner eigenen meinung die auf nichts als luft basiert kann er aber selber nichts vorweisen. wo ist denn da nun das argument? außer seiner rethorik hat er nichts, was seine aussagen bekräftigen könnte.
das gleiche zu der kriegstreiberei der israel lobby in den usa. Friedman macht sich sofort über den begriff israel lobby lustig als wäre das etwas frei erfundenes, obwohl das in den usa ein durchaus üblicher begriff ist. zu dieser lobby gehört u.a. das "american israel public affairs committee", welches völlig real ist. und bei dem man auch gerne mal republikanische präsidentschaftskandidaten sprechen hört, die mit krieg geegn iran drohen. das ist auch genau der grund, warum obama dieser kriegstreiberei ständig widersprechen muss.

insgesamt ist es schlichtweg so, dass friedman sämtliche fakten von den tatsächlich informierten personen ignoriert und abtut. ich kann mir wirklich keinen schlechteren diskussionsteilnehmer vorstellen.

edit: das wird übrigens umso deutlicher, weil mit avi primor direkt neben friedman ein israelbefürworter sitzt, der bei dem thema wirklich sachlich bleibt und tatsächlich argumentiert.

und jetzt mal ganz ehrlich: peter scholl latur, anerkannte instanz zum thema nah ost. Seit dutzenden von jahren experte für die region, hat mehrere bücher veröffentlicht und war in der runde mit abstand derjenige mit dem meisten wissen um die thematik. ich muss durchaus zugeben, dass er nicht mehr gerade der fitteste ist und seine bemerkungen teilweise etwas zusammenhanglos daherkamen. im großen und ganzen hat er aber doch deutlich mehr überzeugt als die anderen.
auf der anderen seite eine autorin und filmmacherin, die rein zufällig iranerin ist, aber ansonsten null ahnung von dem ganzen thema hat. der druchschnittliche bundesdeutsche der hin und wieder die nachrichten verfolgt hätte mehr zum thema beitragen können. solche seichten floskeln wie "das iranische volk will das alles doch gar nicht" sind doch keine beiträge für eine polit diskussion. mal ganz abgesehen davon dass die gute frau in deutschland lebt, und mit den im iran lebenden iranern nicht wirklich viel gemeinsam hat. wie kann sich so eine frau anmaßen für das iranische volk sprechen zu wollen? auch sie hat absolut keine beweise und erst recht keine authorität um solche phrasen zu dreschen.

und bei aller liebe zu facebook, twitter und weiß der fuchs was. guttenbergs anhänger haben mehr zustimmung auf facebook bekommen als diese facebookaktion in dieser sendung. dieses laue lüftchen nun als große bewegung zu verkaufen ist doch eher lächerlich.
« Letzte Änderung: 22.04.2012 18:59:00 von Striddl » Gespeichert

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Anarcitau

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Ziancaly


« am: 24.04.2012 14:45:08 »

insgesamt ist es schlichtweg so, dass friedman sämtliche fakten von den tatsächlich informierten personen ignoriert und abtut. ich kann mir wirklich keinen schlechteren diskussionsteilnehmer vorstellen.

Nur um eins vorneweg zu nehmen: Ich will hier nicht lang und breit den Ablauf der vorletzten maybrittIllner-Sendung diskutieren und ich will auch nicht Friedmann verteidigen. Ich will aber trotzdem nochmal was in diese Mini-Diskussion einbringen, weil ich der Meinung bin, dass sie stellvertretend für das "große" Threadthema ist.

Ich habe mir jetzt mal die ersten 10-15 Minuten der Sendung angeschaut und kann nicht erkennen, dass Friedmann nur durch Rhetorik besticht oder "nicht argumentiert". Er findet die Art und Weise mit welchen Worten und unter welchem Hintergrund nicht richtig, "wie" Grass Israel kritisiert, nicht "ob" (ich glaube das hat er sogar fast wortwörtlich so gesagt). Seine "Quelle" ist dabei das Gedicht selbst und was darin wortwörtlich steht. Ich kann da nicht erkennen, wo er da unsachlich diskutiert.
Augstein dagegen interpretiert das Gedicht nach eigenem Gutdünken und dass die Kritik an Israel allgemein berechtigt sein soll. Sehr schön erkennt man das bei der Antwort auf Illners Frage warum die Wortwahl der Auslöschung unbedingt sein musste. Da will sie halt mal nicht alles so kleinlich sehen und sagt dann selbst, dass man ja unter Israel die israelische Regierung zu verstehen hat, so wie Grass dass im Nachhinein auch hätte anders schreiben wollen.

Verstehst du die Problematik? Kritik an Israel ist kein Problem, dass sagt auch Friedmann gleich am Anfang und da waren sich auch alle in der Diskussion einig. Aber die Art und Weise durch das Gedicht von Grass lässt halt alle Interpretationen zu, je nachdem ob man das alles wortwörtlich nimmt oder bei der Interpretation etwas gelassener relativiert. DAS ist aber nicht die Schuld von Friedmann, sondern von Grass. Entweder er wusste da genau was er schreibt, und dann kann er das nicht im Nachhinein relativieren (und das kann dann auch Augstein nicht), oder Grass hat das alles etwas lässig gesehen. Wenn aber letzteres zutrifft, dann ist es aber gerade bei Grass' SS-Vergangenheit doch kein Wunder, dass es Kritik hagelt bei solch mangelnder Sensibilisierung. Und genau das scheint Augstein nicht begreifen zu wollen, sondern sieht sich in der Opferrolle des "armen Deutschen, der wegen der eigenen Vergangenheit ja nichts Schlimmes über Juden sagen darf". Ich übertreibe hier mal ein bisschen, aber ich denke du weißt was ich meine. Alleine steht sie mit ihrer Meinung jedenfalls nicht da und mit der Veröffentlichung von Grass' Gedicht scheint sich da mal wieder mal ein Ventil geöffnet zu haben.

Und sry, die Argumentation ist auch ansonsten hahnebüchen: Auf Friedmanns Einwurf, warum Grass denn nicht den Iran wenigstens gleichermaßen kritisiert wie Israel, sagt sie, dass es da nen Grund gibt, den Grass aber wahrscheinlich nicht kennt. Also entweder redet sie wirr oder ironischerweise für die Gegenseite. Sie zitiert dann die 16 Geheimdienste der USA, die im Iran nun auf einmal keine Bedrohung durchs atomare Aufrüsten sehen. Friedmann zitiert dagegen die EU, die Atomkommission und die Historie der letzten Jahrzehnte, wo der Iran nie müde geworden ist, das kleine Land am toten Meer von Karte fegen zu wollen (und diese Formulierung gerade eben war noch sehr diplomatisch). Wo bitte, fegt da Friedmann die Argumente weg? Es steht halt Aussage gegen Aussage. Warum man gerade an diesem Beispiel sehen soll, wie toll Augstein und wie schlecht Friedmann argumentieren, versteh ich nicht. Zumal meiner Meinung nach eine jahrzehntelange Auslöschungshymne von den muslimischen Radikalen nicht innerhalb so kurzer Zeit abflacht und die amerikanischen Geheimdienste ... na ja, lassen wir das. Jedenfalls war man nun beim Thema, was ist nun "Wirkung" und "Ursache". Und zu dieser Huhn-oder-Ei-Diskussion hab ich bereits was geschrieben.

Und wie ich auch bereits schrieb, ist das alles ganz ganz kalter Kaffee: Dieses Hin-und-Her, Aneinandervorbeireden und Vorbei-Interpretieren gibt es vorallem in Diskussionen zu Nazis und Juden seit Jahrzehnten. Da sieht sich gleich jeder, der Ausländer kritisiert, automatisch als Hitler-Anhänger missverstanden und jeder, der den Rassismus in Deutschland kritisiert, als Zionist. Wenn wir also eines von der Diskussion lernen können, dann das mal alle bisschen mehr den Ball flach halten und dem anderen genau zuhören. Und hier finde ich nun mal, dass Friedmann etwas mehr am eigentlichen Wortlaut von Grass Gedicht hängt, als Augstein das tut. Insofern finde ich Friedmann als den "schlechtesten, vorstellbaren Diskussionsteilnehmer" schlicht totalen Quark (und meine Vorstellungskraft würde da auch weiter gehen, z.B. Niebel und Döring von der FDP ...).

Noch was kurzes zu Scholl-Latour und der Iranerin:
Über Scholl-Latour kann man sich genüsslich streiten: Auf der einen Seite zweifellos ein Experte über den Nahen Osten, auf der anderen Seite ein Mann aus dem letzten Jahrhundert, und damit meine ich natürlich sein Denken und seine Einschätzungen, die schon irgendwie "festgefahren" wirken. Ich versteh nicht recht, was es soll, wenn man z.B. über den arabischen Frühling und Herbst 2011 diskutiert und er seine Besuch in Ägypten in den 70igern einbringt - welcher "Experte" diskutiert denn heute die Situation in Deutschland und bezieht sich dann auf Vor-Wende-Zeiten? Viele seiner Bemerkungen erscheinen mir immer aus der Luft gegriffen und sie alle auf den Prüfstand zu stellen würde wahrscheinlich etwas länger dauern. Insofern bin ich vorsichtig bei diesen "Nahost-Experten", wenn sie eine Diskussion mit Argumenten abwürgen, die keiner irgendie nachvollziehen kann.
Ich habe mir mal den Wiki-Artikel zu Shakib durchgelesen: Eine gebürtige Iranerin, welche die ISAF- und NATO-Truppen in Afghanistan berät, ist auf jeden Fall niemand, der keine Ahnung hat (sie lebt übrigens auch nicht in Deutschland). Sie sieht die Dinge halt schlichtweg naiver und idealistischer. Sry, aber ich finde das ist nun kein Grund das als "Anmaßung" zu sehen. Ich sags nochmal: Wenn nicht andere Wege dort unten ausprobiert werden um Frieden und Verständnis füreinaner zu erreichen, dann diskutieren die Menschen in 1000 Jahren noch über den Nahost-Konfltikt (was sie wahrscheinlich auch VOR 1000 Jahren schon gemacht haben) und das Blutvergießen geht weiter. Insofern finde ich auch die Facebook-Aktion nun zwar nicht DEN entscheidenen Schritt in die richtige Richtung, aber wenigstens einen KLEINEN Schritt. Denn: Ein Schritt in die richtig Richtung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und was soll mir der Vergleich mit der Guttenberggruppe sagen? Dass bei uns mehr Bekloppte als dort unten Vernünftige gibt?
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« am: 24.04.2012 15:34:37 »

Grass war 17 als er Mitglied der Waffen-SS war. Nicht unbedingt ein Alter, in dem man 1. die Weisheit schon mit Löffeln gefressen hätte und 2. durch wohlüberlegte und fundierte Entscheidungen auffiele. Ich kann zwar nachvollziehen, warum der Umstand Erwähnung findet, nicht aber das ständige Daraufherumreiten. Für die Israelis, die ihn vehement kritisieren, ist das natürlich ein Aspekt, auf das sich trefflich einprügeln lässt, kann er doch daduch auch gleich als unverbesserlicher Antisemit abgestempelt werden, dann muß sich auch nicht weiter mit ihm beschäftigt werden...
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Ziancaly


« am: 24.04.2012 18:40:38 »

Es geht nicht um die Tatsache, dass er in der Waffen-SS war, sondern sein Umgang damit in seiner Biographie, wenn er sich als moralische Instanz äußern will. Gleiche Maßbecher für alle und so. Insofern braucht man sich nicht wundern, dass es halt Kritik in der Form und der Größenordnung hagelt.
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« am: 24.04.2012 20:43:07 »

Natürlich muß es nicht wundern, eben weil es wohlfeil und günstig ist. Genau das ist es aber, was mich "aufregt" (in "" weil es eigentlich das falsche Wort ist). Und das er den Umstand nicht früher erwähnt hat, kann ich nachvollziehen, ist schließlich nichts, was man gerne als Monstranz vor sich her trägt.
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Ziancaly


« am: 25.04.2012 10:42:08 »

Dann kann er aber auch nicht als moralische Instanz auftreten, wenn für ihn nicht dieselben Spielregeln gelten wie für alle anderen. Insofern sehe ich die Kritik an Grass Verhältnis zu seiner SS-Vergangenheit durchaus berechtigt an, wenn er sich anmaßt über andere bei genau solchen sensiblen Themen zu urteilen. Und dazu hat ihn ja auch keiner gezwungen.
Im übrigen würde ich mich über diese Art von kalten Kaffee nicht "aufregen". Die in den Medien geführte Diskussion zeigt wiedermal, dass sowohl Befürworter als auch Kritiker von Grass bei dem Thema nichts dazugelernt haben. Der richtige Umgang mit der eigenen "nationalen Vergangenheit" und der richtigen Distanz zu solchen Problemen wie im Nahen Osten sieht meiner Meinung nach jedenfalls anders aus.
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